Im Jahr 1979 fand in Berlin (West) der erste deutsche CSD statt. Mit von der Partie waren weniger als 500 Mutige. In den späten 1970ern erforderte es nicht wenig Mut und Selbstbewusstsein, sein Schwulsein auf diese Art öffentlich sichtbar zu machen. Nicht bloß deswegen, weil die Kommentare der Bolle-Berliner und der Wilmersdorfer Witwen, die den allerersten Pride-Parcours am Kudamm säumten, alles andere als freundlich waren. „Perverses Gesindel“ gehörte noch zu den harmloseren, „Der Adolf hätte die damals alle vergast“ zu den schlimmeren. 1979 gab es also durchaus eine Schnittmenge von Demo und Spießrutenlauf, wenn Schwule auf die Straße gingen, um ihre Rechte einzufordern.

CSD 2017

Alles schön bunt: Tänzer auf dem Berliner Ku’damm erfreuen sich an ihren Lieblingsfarben.

Der Hass, der den – damals noch ganz ohne fröhliche Bumsmusik – Marschierenden vielfach entgegenschlug, war nicht unähnlich dem, mit welchem der deutsche Spießbürger noch ein Jahrzehnt zuvor der Studentenbewegung begegnete. Auch der bundesdeutsche Gesetzgeber hielt seinerzeit Schwulsein für etwas Abartiges, das im Zaum gehalten werden musste bzw. mit aller Härte zu bestrafen war: der Paragraph 175 galt in der BRD noch bis 1969 in seiner 1935 durch die Nazis verschärften Fassung. Und er wurde vieltausendfach angewandt. Kein Wunder, denn etliche bundesrepublikanische Richter und Staatsanwälte hatten schon unter den Nazis angeklagt bzw. ihr mörderisches „Recht“ gesprochen. Oder sie waren an bundesrepublikanischen Unis von gestandenen Nazi-Rechtsexperten ausgebildet worden. Eine unschöne Kontinuität, die über Jahrzehnte Bestand hatte.

CSD 2017

Der Größte, der Schönste, der Bunteste: schwules Fabelwesen auf dem CSD in São Paulo.
Immerhin hierzulande sieht die schwule Welt heute anders und um einiges besser aus. Der Schandparagraph 175 ist auf dem Müllhaufen der deutschen Rechtsgeschichte gelandet. Einst nach seinen Buchstaben verurteilte Männer haben seit 2016 sogar die Möglichkeit, eine Entschädigung zu beanspruchen. Ein paar Tausend Euro können ein zerstörtes Leben zwar nicht ansatzweise reparieren, aber dennoch ist der gemeinsame Beschluss von CDU und SPD ein Erfolg, der noch vor wenigen Jahren nicht denkbar gewesen wäre (siehe oben).

CSD 2017

Freund, Helfer, Sexsymbol: fröhliche Polizei-Polonäse schützt den Kiewer CSD
2017 wird in über 50 deutschen Städten gefeiert, die Zahl der Teilnehmer dürfte sich allein in Berlin locker im sechsstelligen Bereich bewegen. Ist also endlich alles gut? Vieles ja, alles nicht. Denn die Zahl schwulenfeindlicher Gewalttaten ist ebenfalls kräftig angestiegen: sie hat sich seit 2005 verfünffacht, die Dunkelziffer nicht eingerechnet. Offensichtlich steht einer erfreulich gewachsenen Akzeptanz vieler auch eine zunehmende Bereitschaft weniger gegenüber, alles zu diskriminieren, was irgendwie anders ist, aussieht, lebt oder liebt. Und dieser Trend ist inzwischen leider auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten.

CSD 2017

Alles gut? Es sieht nicht so aus: Zwei schwule Iraner vor ihrer Hinrichtung

Was schwulen Männern in anderen Weltgegenden droht, wenn sie beim Sex erwischt werden, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Vom öffentlichen Auspeitschen und Stockhieben bis zu Steinigung und Aufhängen ist praktisch alles drin. Und dass ein deutscher Außenminister in ein solches Land reist, um mit der dortigen Obrigkeit profitable Deals für die deutsche Exportindustrie auszuhandeln – ohne wenigstens höflich anzumahnen, ob man die dort übliche Praxis des Aufhängens von Schwulen an Baukränen nicht vielleicht noch mal überdenken möchte – ist schlicht: zum Kotzen. Jedoch nicht weiter verwunderlich in einer Gesellschaft, deren herrschende Klasse die Menschenrechte vor allem dann hochhält, wenn sie den Profit nicht ernstlich schmälern.

CSD 2017

Wer siegen will, muss Flagge zeigen: stolze Fahnenschwenker an der Berliner Siegessäule
Noch einmal: Es steht noch längst nicht alles zum Besten mit der Akzeptanz des anders Liebender, anders Denkender, anders Seiender, hierzulande nicht und schon gar nicht anderswo. Das schwule Paradies wird solange eine Utopie bleiben, bis wir eine Gesellschaft haben, in der die Freiheit des Einzelnen die Voraussetzung für die Freiheit aller ist. Und dafür gilt es zu kämpfen. Am besten an jedem Tag und nicht bloß mit Prosecco und massenkompatibler Bumsmusik auf dem nächsten CSD. Sich dort zu zeigen ist trotzdem überaus wichtig. Ebenso, wie  überm Feiern nicht zu vergessen, dass eben noch nicht alles gut ist. Es kann besser werden – wenn wir nur ein bisschen Mut aufbringen und den Arsch hochkriegen. Also: Zeigen wir uns, zeigen wir Flagge, und zeigen wir’s ihnen!

Jetzt Flagge zeigen – nicht bloß auf dem CSD 2017!