Gaben der Schönheit

Die Gaben der Schönheit – Sehnsucht nach Liebe

 

DAS BUCH

Guy hat es geschafft: Aus der Armut der französischen Provinz hat er den Olymp der Modewelt im New York der Achtziger erklommen. Reihenweise erliegen die Männer seiner Schönheit, die ihn im Sommer zur größten Attraktion Fire Islands macht. Wie ein moderner Dorian Gray scheint er niemals zu altern und wird von älteren Verehrern mit Geschenken überhäuft – bis ihn die Zeit schließlich einholt und sein Leben für immer verändert. In seinem eleganten wie geistreichen Roman schwelgt Edmund White in den Gaben der Schönheit, um im nächsten Moment ihre Oberfläche zu durchdringen und ihre Macht zu ergründen – die Macht, zu faszinieren, zu täuschen, zu beherrschen.

DER SCHRIFTSTELLER

Edmund White, 1940 in Cincinnati, Ohio, geboren, zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart. Gemeinsam mit anderen Autoren gründete er Anfang der achtziger Jahre die Gruppe Violet Quill, die die schwule Literatur in den USA entscheidend prägte. Bekannt wurde er vor allem durch seine autobiografisch gefärbte Romantrilogie Selbstbildnis eines Jünglings, Und das schöne Zimmer ist leer und Abschiedssymphonie. Außerdem veröffentlichte er Biografien über Jean Genet, Marcel Proust und Arthur Rimbaud sowie die Memoiren-Bände My Lives und Inside a Pearl. Auf Deutsch erschienen zuletzt die Romane Jack Holmes und sein Freund und Hotel de Dream. Für sein literarisches Schaffen erhielt Edmund White zahlreiche Preise, unter anderem den Award for Literature der American Academy of Arts and Letters, den National Book Critics Circle Award und den Preis des Festivals von Deauville für sein Gesamtwerk.

WAS ANDERE AUTOREN SAGEN

„Edmund White ist einer der besten Autoren meiner Generation; von allen zeitgenössischen amerikanischen Schriftstellern habe ich ihn mit Sicherheit am häufigsten gelesen, und auf sein neuestes Buch freue ich mich immer ganz besonders.“ – John Irving, Autor von Straße der Wunder

„Die Gaben der Schönheit ist ein klassischer White. Der Roman erforscht das universelle Verlangen, bekannt, begehrt und akzeptiert zu sein – und er fragt, welchen Preis man dafür zahlt.“ –  A. M. Homes, Autorin von Das Ende von Alice

„Unglaublich witzig, lebendig und sehr, sehr böse – definitiv einer seiner besten Romane.“ – Andrew Holleran, Autor von Tänzer der Nacht

„Mitreißend und faszinierend – ein packendes, tiefgründiges und wahnsinnig komisches Buch.“ – Neel Mukherjee, Autor von In anderen Herzen

 

LESEPROBE – ZUM REINSCHNUPPERN!

… auf dem nahe gelegenen Sheridan Square fand Guy ein Fitnessstudio. Die Leute, die dort trainierten, rissen oft lautstark Witze; ein paar von Ihnen waren absurd muskulös, und ein Kerl musste sich von seinem Bruder die Treppe raufhelfen lassen. Dieser Typ aß jeden Tag ein ganzes Grillhähnchen und trank einen halben Liter Ochsenblut. Guy verstand die meisten Witze nicht, aber wie es schien, war die Hälfte der Typen schwul und die andere normal, und offenbar drehten sich die Sprüche darum, welche sexuelle Orientierung nun die vergnüglichere war: »Stell dir einfach vor, ein Schwanz ist wie ’ne Möse am Stiel«, grölte eines der Großmäuler. Die Fitnessstudiogänger wandelten auf dem schmalen Grat zwischen homo- und heterosexuell.

Ein Schwanz ist wie ‘ne Möse am Stiel!

In der mit Zedernholz ausgeschlagenen Sauna begann ein höflicher, schwabbeliger Mann mit einem buschig-grauen Schnauzbart, edlen, saphirblauen Augen und den Ruinen eines guten Aussehens eine Unterhaltung mit ihm. Seine Brustwarzen hatten die Größe von Radiergummis. In Paris hätte Guy sich schmallippig gegeben, aber hier in Amerika waren die Leute auf fast schon obszöne Weise freundlich. Als der Mann, un vieux beau, Guys Akzent hörte, sprach er prompt in einem sehr guten Französisch weiter. Er sagte, er hieße Walt und käme aus San Francisco, aber er ginge nicht wirklich einer Arbeit nach, da er Zeit brauche, um mit seinem älteren Freund zu reisen, einem belgischen Baron und Banker, der immer zwischen Gstaad und Phuket und Venedig und Mykonos hin und her pendelte; du solltest ihn unbedingt mal kennenlernen, und was arbeitest du, oh, das hatte ich mir schon gedacht, und ich weiß, man soll Franzosen nicht fragen, was sie arbeiten, aber hey, wir sind ja auch in New York; und Walt lachte über diesen witzigen Zufall.

Seine Brustwarzen hatten die Größe von Radiergummis.

Zufälligerweise verließen sie auch gemeinsam die Sauna und gingen zu den Duschen. Walt griff nach einer von Guys heißen Pobacken; Guy funkelte ihn wütend an, aber Walt blickte unschuldig drein, so als habe er nur eine Melone drücken wollen, um zu schauen, ob sie schon reif ist – oder als habe jemand anderes zugelangt. Auch unter der Dusche lächelte und plauderte Walt noch, aber er übertrieb es mit dem ausgiebigen Waschen seiner Genitalien etwas. Es war seltsam, aber auch wenn er zu fett war, konnte Guy sich vorstellen, dass es schön wäre, in seinen Armen zu liegen. Walt hatte einen Körper, der umfasst werden wollte.

Als hätte sich jemand in den Dreck gekniet, um ihm den Schwanz zu lutschen.

Als sie angezogen und auf dem Weg nach draußen waren, schrieb sich Walt Guys Telefonnummer auf. Unter seinen straffen Unterhosen aus Seide fühlte Guy noch die schockierende Vertrautheit von Walts Handabdruck, was ihn verwirrte. Er hatte sich noch nie von jemandem angezogen gefühlt, der über dreißig war (zumindest nicht, dass er wusste). Doch insgeheim erregte ihn die Übergriffigkeit dieser schamlosen Berührung. Vielleicht lag das daran, dass so ein offensichtlich zivilisierter Mann es getan hatte, jemand, der Französisch sprach und in Gstaad Ski fuhr – so als hätte sich jemand in Abendgarderobe in den Dreck gekniet, um ihm den Schwanz zu lutschen. Immerhin verbrachte Walt seinen Urlaub in Thailand, er garnierte seine Erzählungen mit kurzen Abschnitten über Yachten und Bars rund um die Welt – und außerdem hatte er Guy an den Arsch gepackt.

Guy begriff, wie einsam er war. Wie ausgehungert nach Zuneigung.

Guy begriff, wie einsam er war. Wie ausgehungert nach Zuneigung. In Paris hatte er eine ältere Frau namens Elaine kennengelernt, in einem Englischkurs, für den sie sich beide eingeschrieben hatten. Sie war eine Anästhesistin, die in Versailles lebte und arbeitete; sie hatte etwas Keckes an sich, aber war im Grunde genommen langweilig, auch wenn sie immer Zeit hatte und Guy wie ihren kleinen Bruder behandelte. Trotzdem legten sie nie das formale vous ab. In New York hatte er nicht mal eine Elaine, mit der er essen oder ins Kino gehen konnte.

Der eine hatte einen schönen Oberkörper, aber Frauenbeine.

Weil beinahe jeder Mann im Village ihn anstarrte, gewöhnte er sich an, sie allesamt zu ignorieren. Der eine hatte einen schönen Oberkörper, aber Frauenbeine, ein anderer hatte seinen Bizeps trainiert, aber nicht seinen Trizeps. Ein Dritter war gut gebaut, hatte aber lächerliche Koteletten. Ein Vierter trug eine Herrenhandtasche mit sich rum, weil seine helle Gabardinehose keine Taschen hatte: In Frankreich hatten so ein Teil nur noch ältere Busfahrer bei sich, wenn sie abends in der Stadt unterwegs waren. Guy registrierte all diese ›Mängel‹, weil er seine eigenen Defizite genauso kritisch betrachtete – oder sich tunlichst darum bemühte, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber er war sich sicher, dass er nicht nach Fehlern suchen würde, wenn es ihm gelänge, mit jemandem eine Bindung aufzubauen. Selbst wenn es eine völlig gewöhnliche Person wäre.

Er trug nichts außer einer engen weißen Badehose und seiner Sonnenbrille.

Aber wenn er durch den Washington Square Park lief, an einem jungen Mann vorbei, der allein auf einer Bank saß, dann fiel ihm das Atmen schwerer mit jedem Schritt, den er ihm näher kam. Fast so, als würde er ein gefährliches Kraftfeld durchqueren. Und doch konnte er die Augen nicht von dem Fremden lassen. An seinem ersten Wochenende auf Fire Island mit Pierre-Georges (der überraschend viel Körperbehaarung hatte), lief Guy langsam die hölzernen Stufen von den Dünen zum Strand hinunter. Er trug nichts außer einer engen weißen Badehose und seiner Sonnenbrille, und ein Dutzend Männer, auf Handtüchern im Sand liegend, blickte zu ihm auf. Guy fühlte sich der Ohnmacht nahe. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Nie wieder werde ich so vollkommen sein. Und diese Vorstellung stimmte ihn traurig. Er war sich darüber im Klaren, wie flüchtig seine Vollkommenheit war – und dann verscheuchte er diesen narzisstischen Gedanken mit einem höhnischen Lächeln. Schönheit war einfach nur eine Art, sein Geld zu verdienen.

Ihm kam der Gedanke, dass er so was wie ein teures Rennpferd war.

Ihm kam der Gedanke, dass er wie ein teures Rennpferd war, das untersucht und auf Trab gehalten wurde von den Menschen, die ihn umgaben – aber sie sorgten sich nicht um sein Wohlergehen, sondern um ihr Investment. Fühl mal seinen Widerrist … Frisst er denn genug? … Die Zuschauertribünen machen ihm Angst, er braucht Scheuklappen … Seine Nase ist ganz warm. Wenn er das Haus ohne Sonnenbrille verließ, kam Pierre-Georges ihm hinterhergelaufen, um ihn zu warnen, dass er vom Zusammenkneifen der Augen Falten bekommen würde. Wenn er auch nur ein paar Gramm zunahm, kniff Pierre-Georges ihm in die Taille und raunte: »Miss Piggy.« Wenn er enge Jeans trug, zischte Pierre-Georges »Du siehst aus wie eine Nutte« und wies ihn an, eine weitere Hose anzuziehen. Einmal, als er einen dünnen, durchscheinenden Hausmantel trug, flüsterte Pierre-Georges diesen abfälligsten Kommentar, den die französische Sprache kennt: »Très original.« Wenn er sich auf ein Kreuzworträtsel konzentrierte, warnte Pierre-Georges ihn, dass er Sorgenfalten bekommen würde – jene vertikalen Linien über seiner Nase …

 

Die Gaben der Schönheit

Edmund White
DIE GABEN DER SCHÖNHEIT
Albino Verlag, 2017
Gebunden, 352 Seiten
€ 22,99