Nackte Männer und große Gefühle

Seit Jahrzehnten ist David Vance ganz groß in der internationalen Werbefotografie; er arbeitete für Weltkonzerne wie Coca Cola, Sony, Kodak und Rolex; seine Bilder waren in populären Hochglanzmagazinen wie Cosmopolitan, Entertainment Weekly, Men’s Health, Rolling Stone und Harper‘s Bazaar zu sehen. Er lichtete aber auch jede Menge Schauspieler, Prominente und Society-Größen ab, so zum Beispiel William Baldwin, Toni Braxton, Gloria Estefan, Andy Garcia, Sophia Loren, Ricky Martin, Luciano Pavarotti, Steven Segal und Dionne Warwick – und das waren und sind noch längst nicht alle. Natürlich war keiner von ihnen nackt, als er vor Vances Kamera stand.

Aber wer würde wohl schon jemanden wie Luciano Pavarotti nackt sehen wollen?

Aber nicht für seine Promi-Fotostrecken ist David Vance in der schwulen Community bekannt geworden, sondern für seine Fotobände: mit Erfolgsiteln wie „Timeless Bodies“, „Masculine Beauty“, „Erotic Dreams“ und „Men an Gods“. Darin sind nun keine Film- und Showstars zu sehen, sondern nackte Männer. Keine berühmten – wer bitteschön würde auch schon Luciano Pavarotti nackt sehen wollen? Bei Ricky Martin sähe es natürlich anders aus –, aber ganz bestimmt auch keine von nebenan. Denn die Ästhetik von David Vance ist sehr stark von antiken Vorbildern geprägt: Seine Models sehen durch die Bank aus wie fleischgewordene griechische Statuen, und der Fotograf lässt sie sehr gern auch die entsprechenden Posen einnehmen.

Am liebsten fotografiert David Vance splitternackte Männer ohne jeden Makel.

Es ist nicht zu übersehen: Am liebsten fotografiert der klassikversessene US-Künstler splitternnackte Männer ohne jeden Makel, in äußerst akkuraten Einstellungen, die manchem vielleicht hier und da ein wenig überinszeniert erscheinen mögen. Dafür aber setzt David Vance in nahezu jedem Fall die Essenz des Männlichen so deutlich in Szene, dass er damit gewissermaßen eine ganz neue Kunstform geschaffen hat. Auch Vances neuer Bildband wird – zumindest für Fans keine wirklich große Überraschung – fast ausschließlich von makellosen Muskelmännern dominiert. Anders und neu an „Emotion“ ist, dass hier nicht bloß nackt und schön posiert wird, sondern dass auch mal so etwas wie Bewegung ins Bild kommt. Und damit – und das ist durchaus wohltuend – eine gewisse lebendige Unschärfe. Und ziemlich oft sogar das, was der Titel verspricht: Gefühl.

 

David Vance
EMOTION
Bruno Gmünder, 2016
Bildband, 128 Seiten
€ 49,99