schwul lieben 2

Schwul lieben – wie geht das?

Ich war 19, und er hieß Thomas, beziehungsweise Tom. Wir waren beide frisch geoutet, wahnsinnig verliebt und glaubten ernsthaft daran, den Rest unseres Lebens gemeinsam zu verbringen. Wie das halt so ist,  wenn man in der Euphorie des Zu-sich-selbst- und Zueinander-gefunden-Habens denkt, man sei über sämtliche Naturgesetze erhaben. Abgesehen davon, dass ich von Naturgesetzen damals nicht viel Ahnung hatte. Kann ich schwul lieben?

Fickrig wie ich war, konnte ich den Versuchungen einfach nicht widerstehen.

So basierte mein Traum von der ewigen Zweisamkeit auf einem konventionellen Treueverständnis, das neben der berühmten Durch-dick-und-dünn-Geherei auch Monogamie einschloss. Anfangs war das völlig in Ordnung. Ich hatte sowieso für niemand anderen Augen. Sogar wenn wir gemeinsam unterwegs waren und mich jemand anbaggerte, genoss ich es, denjenigen bei der nächstbesten Gelegenheit durch  demonstratives Rumgeknutsche mit Tom abblitzen zu lassen. Aber dann war ich irgendwann mal wieder alleine unterwegs. Da wurden die Anbaggereien auf einmal zur Versuchung. Fickrig wie ich war, widerstand ich den Versuchungen auf Dauer natürlich nicht.

Irgendwann geriet ich in den Treibsand der negativen Gefühle.

bumms – war ich mittendrin im Treibsand der negativen Gefühle, die früher oder später so ziemlich jede Beziehung kaputtmachen. Da war das schlechte Gewissen. Da waren die Zweifel, ob ich Tom von dem Seitensprung erzählen sollte. Da war die Wut über meine eigene Schwäche. Da waren die Anrufe des Typen, dem ich bekloppterweise meine Nummer gegeben hatte. Und dann kamen 13 die ersten Lügen, weil ich aus »Rücksicht« auf Tom beschloss, ihm nichts von dem Fehltritt zu erzählen. In Wirklichkeit war ich einfach nur konfliktscheu und hatte Angst, dass er mir eine Szene macht. Die er natürlich auch machte, als er nach einer Weile Wind von der Geschichte bekam.

Aber danach gab es Versöhnungssex!

Danach gab es Versöhnungssex. Und der situativ sogar ernst gemeinte Schwur, dass so was nicht wieder vorkommt. Und das Misstrauen, das auf Toms Seite irgendwie doch blieb. Und seine unvermeidliche Revanche-Aktion. Und so weiter. Lassen wir die Katze also aus dem Sack! Das mit der ewigen Zweisamkeit hat – Überraschung! – dann doch nicht geklappt. Stattdessen wurde sich so lange getrennt und wieder  zusammengerauft, bis die anfängliche Euphorie so mürbe war, dass ein endgültiger Schnitt hermusste.
Dieser Schnitt ging in gewisser Weise mit der Abnabelung von meinem traditionellen Treueverständnis einher. Ich nahm mir vor, meine neue Freiheit ohne schlechtes Gewissen zu genießen und bei der nächsten Beziehung alles besser zu machen. Sprich: von vornherein mit offenen Karten zu spielen. Beziehung war Beziehung. Sex war Sex. Beides gehörte zusammen, ging aber auch unabhängig voneinander …

Wie es mit Tom und seinem Freund weitergeht und noch jede Menge mehr Geschichten über die Vielfalt schwulen Liebens erfährst du in:

Axel Neustädter
OFFEN LIEBEN
Bruno Gmünder, 2016
Taschenbuch, 176 Seiten
€ 16,99